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Japan Tagebuch - Nikko #4

Mittwoch: Wandern!

Heute schafften wir es, wie geplant um 6 Uhr aufzustehen um pünktlich um 7 Uhr von Scout zur Bushaltestelle gefahren zu werden und in die Berge zu tingeln. Dieses Mal fuhren wir am Lake Chuzenji vorbei, übersprangen die Ryuzu Falls erneut und stiegen gegen 9 Uhr direkt bei den Senjogahara Wetlands aus - einem Moor, mitten in den Bergen. Das war der Startpunkt unserer geplanten Wanderroute für heute, die 7 Stunden in Anspruch nehmen würde und durch Senjogahara, dann gegen den Uhrzeigersinn über den Sanno-Pass zwischen den Bergen Mitake-san und Sannoboshiyama, bis zum Lake Karikomi und schließlich nach Yumoto Onsen führen sollte - dem Ort, aus dem alle anderen heißen Quellen (= Onsen) in der Gegend sich speisen (Yumoto soll so viel wie "Ursprung" heißen). Uns wurde diese Route empfohlen und uns war gar nicht so wirklich klar, worauf wir uns einließen. Abgesehen von meinen Wanderschuhen war ich nicht für schwierigere Wanderrouten gerüstet, Tony hatte soger nur Sneaker dafür an, aber wir hatten schon am Nantai Blut geleckt und hatten jetzt große Lust auf Hiking. Am Ende sollte es die (für mich) härteste Hiking-Route werden, die ich je gelaufen bin (auch verglichen mit Irland und Schottland), doch es war auch eine überaus belohnende Strecke, die uns mit einem sehr guten Gefühl hinterließ.

Wir deckten uns zunächst an einem kleinen Kiosk mit Proviant ein und liefen von der Straße aus in den Wald rein, in welchen ein Holzschild rein zeigte.



Einige andere Wanderer befanden sich ebenfalls auf diesem Weg und nach wenigen Minuten kamen wir an eine ausgeschilderte Kreuzung. Geradeaus ging es zum Yumoto Onsen und einigen anderen Sehenswürdigkeiten, rechts nach Senjogahara. Im Gegensatz zu den meisten Besuchern wandten wir uns nach rechts und wurden bald von einem Holzsteg begrüßt, der uns teilweise knarzend und wackelnd durch das Moor führen würde, an einem Flüsschen entlang.





Schon bald wurden wir von einem atemberaubenden Panorama belohnt, das über das weite, derzeit orange bewachsene Moor bis zu den wolkenbehangenen Bergen reichte. 








So manch eine Schulklasse kam uns wiedermal entgegen. Hier gab es überall kleine Schilder, die auf japanisch über die Flora und Fauna dieses Moors unterrichteten, entsprechend geeignet ist es als Naturkunde-Exkursionsziel. Auch mehrere Wanderer begegneten uns, fast ausnahmslos schon von weitem zu hören aufgrund der Glöckchen, die alle japanischen Wanderer zu tragen scheinen. Und ausnahmslos wurden wir von jedem freundlich begrüßt.

Wir überschritten den Fluss schließlich auf einer hölzernen Brücke und es wurde zunehmend Waldiger. 


Hier oben in den Bergen waren die Herbstfarben, für die Nikko so beliebt ist, teilweise bereits wunderbar zu sehen.



 Wir passierten einen stillen, grünen Teich mit Parkour-artigem Rastplatz.



Der Weg führte weiter durch den Wald...




... dann auf eine mit dünnen Birken bewachsene Ebene und schließlich zu einer Straße: Wir hatten Senjogahara durchquert. Schon diesen einfachen Teil der Wanderung haben wir sehr genossen, blieben immer wieder stehen zum Schauen und Fotografieren und zum Lauschen der Stille. So sehr trödelten wir dort, dass wir später mit Erschrecken feststellen mussten, dass wir fast 3 Stunden dafür gebraucht hatten, dabei war es nur das erste knappe Drittel des Weges. An besagter Straße angekommen verliefen wir uns kurz, denn der nächste Teil der Wanderstrecke war nicht leicht zu finden. Tatsächlich musste man durch das Tor eines hohen Zaunes schreiten, was erst so aussah, als wäre es Privatgelände und man dürfte da nicht lang. Das Tor war aber nicht abgeschlossen, mit "Push" beschildert und wir stellten schnell mit Hilfe von Erklärungsschildern fest, dass der Zaun nur dafür da war, um das Rotwild aus Senjogahara herauszuhalten, weil es die dortige Flora gefährden könnte. Wir gingen also durch und folgten weiter dem Flüsschen, welches stellenweise kaum tiefer als eine Handfläche war, dafür aber glasklar und eiskalt.




Weiter ging es über einen flachen Weg, an einer kleinen Kuhwiese vorbei, bis hin zu einem Kurort namens Kotoku Onsen.

Dort machten wir kurz Rast und verspeisten das erste von unserem Proviant. Gab hatte sich - wiedermal aus Neugier - seltsame schokobraune Eier gekauft, die sie nun probierte. Sie rochen gepellt nach Wurst und leicht schwefelig und schmeckten sehr würzig. Später fragten wir Scout, ob er so Eier kennt, und er vermutete, dass dies Eier waren, die in einem Onsen gekocht wurden. Daher auch der spezielle Geruch und Geschmack, denn heiße Quellen riechen nach Schwefel.


Danach ging es an alten mongolischen Mammutbäumen auf einem Parkgelände vorbei, zur nächsten beschilderten Kreuzung, die uns zum Sanno-Pass wies. 2 Kilometer nur. Auf der Karte stand hingegen, dass dieser Teil der Strecke im Schnitt mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen würde. Es dauerte nicht lange, bis wir feststellen durften, warum: Ein langer, knochenharter Aufstieg. Über eine Stunde lang hölzerne, teilweise erodierte Treppen. Motiviert stellten wir uns dieser Herausforderung.


Geäst das aussieht wie ein Gewehr:

Je höher wir kamen, desto schöner wurde es.

Teilweise schritten wir auch durch hohes Pokemon-Gras. Diese Pflänzchen kannten wir schon, die wachsen hier in der Gegend überall, aber weiter oben Richtung Sanno-Pass wuchsen die richtig hoch, während die erodierten Wege sich richtig tief in den Boden bohrten. Alles in allem eine dschungelige Atmosphäre.


  

Ab einer bestimmten Höhe wiesen uns Schilder darauf hin, dass hier eine besondere Art japanischer Birken wuchs. Zu dieser Zeit, ganz ohne Blätter, sahen diese Bäume fast so aus wie Geister, die - im Tanz eingefroren - den Berg anbeteten.


Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir ihn schließlich: den Sanno-Pass. Ein tolles Gefühl! Wir passierten ihn mit einer Leichfüßigkeit, fast schon hüpfend, und mit breitem Grinsen im Gesicht.


Den Rastplatz, den wir kurz dahinter fanden, nutzten wir nicht, da dort bereits ein älterer Wanderer saß und den wollten wir nicht stören. Wir hielten aber kurz an, um uns zu orientieren und der Wanderer sprang fast sofort auf, um uns zu helfen. So ist das in Japan, das ist uns mehrmals passiert im Laufe der Zeit, sogar in Tokyo: Du kannst in Japan als offensichtlicher Tourist keine Minute stehenbleiben und auf eine Karte gucken, ohne von jemandem Hilfe angeboten zu bekommen. Wir sagten ihm, dass alles ok ist und er verabschiedete sich von uns mit dem Hinweis, auf dem folgenden Weg schön vorsichtig zu sein. Nun ging es bergab. Diesmal aber nicht über erodierte Holztreppen, sondern über Treppen-Steinweg-Kombinationen aus herzlich rutschigen, runden Steinen, nur einen Ausrutscher vom tiefen Fall entfernt. Auch bei der kurz darauf folgenden Wandergruppe älterer Damen, die Platz machte damit wir vorbei konnten auf dem schmalen Weg, sagte uns fast ausnahmslos jede Dame: "Ki o tsukete" ~ Pass auf dich auf. Wieder was gelernt.



Doch schon bald wurden wir vom nächsten atemberaubenden Panorama belohnt: Einem weiten Tal in absolut makelloser Stille. (Tony musste direkt an die Jurassic-Park Szene mit den Brontosauriern denken.)




Wir fanden erneut eine Raststätte und setzten uns diesmal hin. Tony aß Süßigkeiten, Gab weiterhin ihre seltsamen Eier und ein übelst bitteres Getränk (anscheinend aus Gerstenmalz?), welches sie am Vortag aus dem Automaten gezogen hatte. Sowie süße Brötchen.





Wir machten nicht lange Pause, denn wir waren ziemlich verschwitzt und kühlten so auf der Bank ziemlich schnell aus. Auch die Füße hätten bald gestreikt, denn nach einiger Zeit des Laufens tun Füße nach einer Pause mehr weh als vor einer Pause. Vor uns war die letzte Etappe, der Weg zum Lake Karikomi und Yumoto Onsen, und wir mussten es bis 16 Uhr schaffen, wenn wir noch eine der heißen Quellen nutzen und rechtzeitig den Bus zurück ins Zentrum nehmen wollten.

Der Wald um uns herum wurde zunehmend moosiger und morscher und wir begegneten nun kaum noch Wanderern.


 Nach einiger Zeit erneuten bergauf-laufens (aber bei weitem nicht so hart wie zuvor) kamen wir beim Lake Kirikomi an - dem kleinen Bruder des Karikomi.

Und wenige Minuten später sahen wir dann auch den Karikomi, still und wunderschön türkis.


 Die roten Herbstblätter spiegelten sich schön im Wasser:

Aufgrund des Zeitmangels machten wir dort nicht halt, doch gelohnt hat sich dieser Anblick trotzdem sehr!

Auf dem letzten Stück des Weges konnte man eigentlich kaum noch von einem Weg sprechen. Im Grunde erkannte man den nur noch daran, dass zwischen einigen Felsen und Wurzeln der Boden stärker erodiert war als anderswo, und ab und an wurde man von einer Holztreppe in seinen Vermutungen bestätigt. Teilweise wurde es richtig zur Kletterpartie, und wir pfeiften aus dem letzten Loch.





Dann hörten wir irgendwann, mitten in dieser Wildnis, die Rufe von Sika-Hirschen. Ich erkannte das verwunschene, hohe Geräusch, das ich schon in Irland gehört und lieben gelernt habe, direkt wieder. Wir bekamen Gänsehaut. Tony kommentierte im Scherz, dass wir jetzt nur noch Hirsche sehen müssten, dann wäre die Wanderung perfekt. Nur wenige Minuten später bogen wir um eine Kurve und da standen sie einfach so, mitten auf dem Weg: Zwei weibliche Sikahirsche beim Grasen. Sie bemerkten uns zwar, aber ließen sich überhaupt nicht stören.


Bergab erspähten wir auch einen männlichen Hirsch, der erst ganz bedrohlich wirkte und dann, nachdem er fotografiert wurde, schnell wegrannte.


Ein japanischer Wanderer kam hinzu und leistete uns Gesellschaft in unserer Faszination. Er war so im Wandern vertieft, dass er die Hirsche gar nicht bemerkt hatte, bis wir ihn darauf hinwiesen. Die Damen hatten derweil Platz gemacht und sind erstaunlich leise durch das Dickicht den Hügel hoch gestapft. Eine blieb nah am Wegesrand stehen, graste dort weiter, und ließ sich weiterhin nicht im geringsten von uns beunruhigen.


Wenig später auf dem Weg hörten wir die Rufe der Sikahirsche quasi überall, von nah und fern, teilweise aus nächster Nähe und trotzdem unsichtbar im Gebüsch. Voll unhöflich schrie mir eine davon regelrecht ins Ohr und ich schimpfte zurück :P 
Zunächst rochen wir es, dann sahen wir es schließlich: Unser Ziel, das dampfende Yumoto Onsen, wurde durch das Dickicht sichtbar. Wir eilten regelrecht hinunter, begleitet vom Hirschgeschrei.


Die Anwohner hatten auf dem Yumoto Onsen Schreine erbaut und kleine Pfade führten durch den Matsch. Eine der allgegenwärtigen Schulklassen war ebenfalls dort.

Es roch zwar stark nach Schwefel, aber irgendwie war es trotzdem nicht unangenehm. Wir stapften durch den Matsch in Richtung Dorf, um uns in einem der öffentlichen Onsen-Bäder (also einem Freiluft-Bad, welches aus der natürlichen heißen Quelle gespeist wird) auszuruhen. Dort gab es unzählige solche Bäder, doch zum Glück hatte Scout uns zuvor empfohlen, einfach das erste auf der rechten Seite zu nehmen. Das war klein und unscheinbar, günstig, und noch nicht so kommerz-verzerrt, seiner Meinung nach. Ein japanisches Original eben. Scheinbar war das auch die Meinung der Anwohner, denn wir begegneten dort nur Japanern, keinen Touristen. Onsen sind streng geschlechter-getrennt. Man duscht sich gründlich bevor und nachdem man in das Becken steigt, nicht währenddessen. Und auch Badeanzüge sind verboten, jeder steigt in das Onsen splitterfasernackt. Tattoos sind zumeist auch verboten, aus kulturellen Gründen, aber Scout meinte, man soll einfach am Eingang beim Bezahlen nix sagen und dann ist das auch kein Ding. Damit hatte er recht, wir ernteten allenfalls ein paar hochgezogene Augenbrauen von den mitbadenden Japanern.
Tony machte sogar frecherweise ein Foto vom Ausblick aus dem Inneren des Männer-Onsen, auf die Berge, aus denen wir kamen.


Das Onsen stellte sich als erstaunlich effektiv dabei heraus, die Schmerzen und die Müdigkeit aus den Gliedern zu ziehen, fast wie in einem Videospiel (Harvest Moon, Stardew Valley). Es war wirklich eine große Wohltat. Bei der Bushaltestelle holte Gab sich noch eine eigenartige Aloe-Vera-Milch und den rest des Abends verbrachten wir in zufriedener Gemütlichkeit. The End.


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