Hey Leute. Sorry dass ich wieder so lange nicht mehr geschrieben habe. Ich habe heute meinen neuen Host Francis fluchtartig verlassen und bin jetzt wieder in Galway. Jeder der auf lange Reisen geht, macht früher oder später auch mal schlechte, verunsichernde Erfahrungen. Und diesmal ist auch meine Zeit dafür gekommen.
Ich kam am Montag zum "The Croft", wie der kleine Hof hieß, in dem Francis alleine mit seinen Tieren wohnt. Diese habe ich auch gleich übelst ins Herz geschlossen. 3 Katzen: Lulu, Kiwi und Shi-Og (Gälisch: Fee), ein Pony namens Flicka und ein Esel namens Kassie.
Lulu, die älteste Katze, war immer grummelig und schlecht gelaunt, und erbarmte sich lediglich dann eines blickes, wenn ich ein bisschen Schinken für sie in der Hand hielt. Und von Kiwi hab ich leider kein Foto, aber er war ein echter Rabauke. Der hat die andern Katzen immer übelst gemobbt und ihnen das Essen geklaut xP Shi-Og hingegen war richtig richtig cool. Meistens war sie alleine im Hof oder in ihrem Plätzchen im unbeheizten Flur, aber jeden Abend kam sie dann doch auf meinen Schoß um gestreichelt zu werden, jeden Abend versuchte sie auf unterschiedlichste Weisen, sich in mein Bettchen zu schleichen und immer wenn ich in der Küche stand, war sie da und maunzte nach nem Snack.
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| Lulu |
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| Shi-Og |
Die beiden Ladies im Stall waren ebenfalls ziemlich cool. Flicka ist ein kleiner Panzer von einem Pony. Sie mochte es nicht, gebürstet zu werden, ließ sich nix sagen, weder von Menschen noch von der wesentlich größeren Kassie, und war auch ansonsten ein sehr eigensinniger Punk. Wenn man sie dann aber mit der Hand gefüttert hat, war sie unheimlich lieb und zärtlich und wenn sie sich freute, hob sie immer einen Huf in die Höhe wie ein kleines Mädchen^^ Aber ich muss sagen, Kassie is mir noch mehr ans Herz gewachsen. Die junge Esel-Dame, die erst relativ hochnäsig wirkt, ist unter Ponys aufgewachsen und hält sich wahrscheinlich selbst für eins. Aber sie is bei weitem nich so wild. Sie ist immer sofort da, wenn man in die Nähe der Koppel kommt, lief immer brav an meiner Seite, wenn ich auf dem Feld war und wurde unheimlich gern gebürstet. Ich gab den beiden jeden Morgen Äpfel zum Naschen und jeden Abend ne Portion Pferde-Müsli, was sie besonders gern mochten. Ich werde sie vermissen...
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| Links: Flicka, Rechts: Kassie |
Die Tiere waren echt was tolles am Croft. Was anderes tolles war, dass Francis mir jeden Tag Gälisch beibrachte. Nich so Phrasen zum auswendiglernen, sondern Grammatik und grundsätzlichen Satzbau. Mittlerweile kann ich bereits mehr Gälisch sprechen als - wie Francis sagt - der Durchschnitts-Ire. Hab auch ein Lernheft und werde weiter daran arbeiten^^
Außerdem ist Francis Künstler, Musiker, Fotograf und Produzent in einer Person, das heißt er konnte einem immer unheimlich viel interessantes Zeug dazu erzählen und es war immer cool, von ihm was darüber zu lernen, oder ihm im Studio bei Aufnahmen zuzusehen, wenn mal ein Sänger vorbeikam für ne CD. Hin und wieder griff er sich auch einfach die Gitarre und spielte und sang Beatles-Songs, während ich Abwasch machte. Und als er neues Fotografie-Equipment bekam, haben wir es gleich zusammen ausgetestet, und ich bekam nen gratis Fotoshoot. Es hat mir wirklich enorm Spaß gemacht.
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| Die Waffe in meiner Hand ist eine original Requisite aus MadMax. Wurde von Mel Gibson benutzt. Cool wa? |
Die Arbeiten dort waren auch nicht sonderlich schwer. Im Prinzip musste man einfach nur Haus und Hof sauber halten. Francis machte es einem in der Tat nicht leicht, denn er ist einfach mal übelst unfähig, auch nur die geringste Ordnung zu halten (Beispiel von heute morgen: Ich koche gerade Porridge zum Frühstück und er stellt sich neben mich, dreht sich nur leicht zur Seite, schneidet sich die Fingernägel und lässt alles auf dem Boden liegen. Oder gestern, als er volle kanne in den Zucker gehustet hat, weil er es sich nie angewöhnt hat, sich die Hand vor den Mund zu halten..... und er hatte wirklich nen fürchterlich krassen Husten.) Er hat sich beschwert, dass seine früheren Helfer immer alles gesagt bekommen mussten und niemals von alleine auf die Idee kamen, dies oder das zu putzen. Kein Problem für mich, es hat mich nichmal sonderlich gestört, auch bis in meine Freizeit hinein die ein oder andere Aufgabe zu haben. Gar kein Ding.
Aber Francis war nunmal enorm intolerant gegenüber allem, was er nicht kannte oder verstand. So gab es bei uns jeden Tag exakt das selbe zum Essen. Porridge zum Frühstück, Butterbrot zum Mittag und immer den gleichen Fisch mit Kartoffeln und Erbsen zum Abend.
Und nun komme ich zum eigentlichen Problempunkt... der Kommunikation. Wenn ihr mich fragt, liebe Psychos, ich würde dem Francis ohne mit der Wimper zu zucken eine fette Borderline Diagnose geben. Und zwar eine von der wirklich schwer gespaltenen Sorte. Im einen Moment kommt man super gut mit ihm klar, im nächsten Moment überfährt er dich regelrecht mit irgendwelchen Vorwürfen. Dazu reicht das kleinste fitzelchen einer fremden Meinung, oder irgendetwas, was ihm nicht in den Kram passt. Zum Beispiel heute, als er mir erzählte, dass er Samstage nich mag weil seine Freunde Samstags ja immer unterwegs seien und er nich. Weil das aber alles recht alte, ulkige Männer sind meinte ich scherzhaft "Echt? Den Eindruck haben die aber nich auf mich gemacht." und auf einmal steht er auf und brüllt mich an wie ich es denn wagen kann so schlecht über seine Freunde zu reden (und ich schwöre bei Gott, das tut er selbst ununterbrochen, wenn sie nicht da sind!) und dass ich abfällig sei gegenüber alten Menschen und was nicht alles....
Über jeden Kleinkram konnte man sich mit ihm streiten, und nichtmal alle Höflichkeit und Besonnenheit der Welt hätte diese Diskussionen jemals lindern oder gar aufhalten können. Nicht einmal schweigen hilft, denn das lässt ihn wissen, dass man ja anderer Meinung ist. Mal um Beispiele zu nennen: er deklarierte, dass alle Familien mit Kindern in eigens dafür eingerichtete Häuser eingepfercht werden müssten, damit andere kinderlose Menschen nicht gestört würden. Oder dass Mütter mit Kindern kein recht auf eigene Parkplätze hätten, und wenn sie nicht in der Lage wären, ihre Kinder ruhig zu halten, sie sie gar nicht erst zeugen sollten..... Oder dass das beste Mittel gegen den Hunger in Afrika massenhafte Zwangs-Sterilisierung wäre, damit die sich nich mehr wie die Karnickel vermehren.... Wenn auch nur ein einziger Einwand von mir gekommen ist, BOOM ist er wieder ausgeflippt. Ich versuchte irgendwann, zu schweigen oder die gespräche frühzeitig zu verlassen, aber selbst das band er mir ne Stunde später auf die Nase. Dabei machte er immer so einen hochgestochenen Eindruck und befeuerte einen mit den schwachsinnigsten Argumenten in einem "elaboriertem Kostüm", ohne zu akzeptieren, dass sein gegenüber vllt nicht immer Bock hat, darüber ewige Ausführungen zu halten.
Am Donnerstag wollte er mich bereits rauswerfen, weil ich "wirklich IMMER gegen ihn" sei, bis ich meinte, wir seien doch einer Meinung über die Wohlfahrt von Tieren. Ich konnte bleiben und wir einigten uns, nicht mehr über Themen zu reden, über die wir uns eh zoffen. Aber das funktionierte nicht. Ich fühlte mich seitdem, als würde ich jedes Mal, wenn ich mit ihm Worte wechsel, über ein Minenfeld rennen. Und als würde er immer wieder absichtlich versuchen, mich stolpern zu lassen, indem er mir irritierende oder aggressive Fragen stellte. Wenn er ersteinmal anfing, hörte er niemals auf. Selbst darüber, dass er Messer und Gabel intelligenter findet als mit Stäbchen zu essen, konnte er diskutieren und einem in die Fresse schmieren, dass sich die Asiaten das gefälligst aneignen sollten.
Außerdem sprach er permanent über seine früheren Helfer, und wie scheiße die waren, insbesondere meine Vorgängerin Leonie. Dass sie sich geweigert hätte, seine Bettwäsche zu wechseln, grundlos ständig sauer auf ihn wäre, permanent telefoniert hätte und insgesamt ganz verrückt, unhöflich, wenn nicht sogar asozial gewesen wäre. Ich hatte meine Zweifel daran, aber die durfte ich nicht äußern, ohne wieder die seltsamsten Argumentationsketten zu riskieren.
Gestern Abend dann trieb er mich zur Weißglut. Der Grundstein dafür wurde schon an meinem ersten Tag gelegt. Ich hole also ein bisschen weiter aus, und gehe damit in die Tiefen, was mich besonders gequält hat:
Am ersten Tag fragte er mich, ob er mich fotografieren dürfe. Das fand ich völlig in Ordnung, sagte aber halb aus unsicherheit, halb scherzhaft, dass es aber keine Nacktfotos sein dürften. Zwei Stunden später fragte er mich zunächst ruhig, warum ich ihm so eine Frage gestellt hatte, wo ich ihn doch gerade erst ein paar Stunden kannte. Nun... eben genau deshalb. Ich sagte zu ihm, wenn man so wie ich eine junge Frau alleine auf Reisen ist, die dann zu einem fremden allein lebenden Mann nach Hause kommt, halte ich es für wesentlich klüger, eher vorsichtig zu sein und alles genau abzuchecken. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon verunsichert, denn obwohl ich wusste, dass an solcher Kunst eigentlich gar nichts auszusetzen ist, war sein lieblings Leinwand-Motiv nackte Frauen. Durchaus stilisiert, ein bisschen karikiert und gar nicht übel gemalt, aber irgendwie machte es mich trotzdem unsicher. Doch so ehrlich mit ihm zu sein war ein Fehler. Es folgte eine stundenlange Diskussion und Beschuldigungs-Tirade gegen mich, vor allem darüber, dass ich intolerant und zutiefst diskriminierend gegenüber allein lebenden Männern sei, nur weil ich Kunst von nackten Frauen sehe. Wie es denn sein kann, dass mein erster Gedanke, wenn er mich nach Fotos fragt, ist dass er ein perverser sei. Es tat mir dann auch Leid aber ich wollte ihm auch klarmachen dass ich bei meiner Vorsicht bleiben will und dass das auch gut so ist. Doch er hörte einfach nicht auf bis er mich doch tatsächlich zu Tränen trieb. Ich war einfach sehr tief in all den Fragen drin, weshalb ich denn so misstrauisch gegenüber anderen Menschen sei und irgendwann brachte er mich einfach völlig aus dem Konzept. Dann tat es auch ihm Leid, und wir beruhigten uns erst einmal für den Abend. Er machte mir klar, dass er mir keine Angst machen will und möchte, dass ich mich wohl fühle. Ich gab ihm also eine Chance und hoffte, dass die folgenden Tage auf gegenseitigem Verständnis und Respekt beruhen würden. Aber wie ihr schon wisst, wurde daraus nix.
Das war der Prolog.
Was passierte dann gestern Abend? Nun, wir hatten eigentlich nen sehr sehr chilligen Tag. Am Abend zuvor haben wir in gegenseitigem Einvernehmen beschlossen, dass ich gerne länger bleiben dürfe. Angesichts meiner finanziellen Lage und der Tatsache, dass es meistens ganz cool und angenehm mit Francis war, war mir das auch ganz recht. Meinen Samstag-Abend verbrachte ich dann gechillt vor dem Kamin und guckte mit Kopfhörern 2 Stunden lang Breaking Bad. Normalerweise saß Francis dann immer um die Ecke neben mir und machte seinen eigenen Kram am Computer. Dort verbringt er wirklich meistens seine Zeit. Irgendwann setzte er sich weg vom Computer und begann mich zu zeichnen, offensichtlich gelangweilt. Ich guckte meine Folge noch zuende und legte dann aus höflichkeit die Kopfhörer ab. Wir begannen zu quatschen, erst einmal ganz nett. Irgendwie überkam mich dann aber doch noch ein gewisser Erkältungs-Schwall und ich beschloss früher schlafen zu gehen. Eigentlich wollte ich die Gasheizung eine Stunde vor dem zu Bett gehen einschalten, aber da ich das vorher nicht so geplant hatte, schaltete ich sie eben erst um 23 Uhr an. Francis zeigte mir auch wie das geht und ich machte mir ne Wärmflasche. Dann kam er aber an und meinte, dass er auch pennen will und es nicht mag, wenn die Heizung dann an war. Ich meinte ok, dann machen wir sie aus, aber darauf konnte er es nicht belassen. Er beschuldigte mich, dass ich es in meinem Zimmer überhaupt warm haben will, bei Nacht. Wie unnötig das doch sei wenn man Decken hat. Ich könnte auch mit ihm in seinem Zimmer pennen. Dieser Satz, den er später als Witz entschuldigte, war für mich regelrecht wie psychologischer Missbrauch, nach all den Stunden, in denen wir beredet haben, wie paranoid ich bin und sein darf. All das brach wieder in mir aus. Außerdem hatte ich bereits das Fotoshooting mit ihm gehabt. Er hatte sich an dem Shooting äußerst professionell, cool und freundlich verhalten, also hatte ich eingewilligt, Fotos von meinem Dekoltee mit dem Motten-Tattoo machen zu lassen. Sogar mit Bikini, aber nicht ohne Hose und Mantel darüber. Jetzt, nach diesem Satz, war dieser Gedanke für mich fürchterlich bitter, auch wenn ich immernoch nicht glaube, dass er zweideutige Hintergründe hatte. Aber ein bisschen mehr Sensibilität von seiner Seite hätte wirklich geholfen.
Dann beschuldigte er mich, fast simultan, dass ich total asozial sei, weil ich die letzten zwei Stunden am Laptop gehangen hab. Nach einer Woche der nervlichen Überlastung hat mich das völlig entrüstet. Dass das doch meine Freizeit sei und ich mit der doch machen könne was ich will, habe ich gesagt, dass ich ein recht auf Privatheit habe, dass ich nunmal nicht ständig reden will und dass das anstrengend ist. Ich arbeite doch den ganzen Tag für ihn, was will er denn NOCH? Doch er hörte nicht auf, begann damit, dass ich hier ein Arbeiter sei und in seinem Haus auch seine Regeln herrschten und schließlich rastete ich aus. Ich verließ den Raum und brüllte ihm noch zu, dass ich nur ein einziges Mal gottverdammt in Frieden gelassen werden will.
Am nächsten Morgen bereitete ich das Frühstück vor und wir hatten ein längeres Gespräch. Ich erzählte ihm wie ich mich fühle und er gab sich sichtlich Mühe, mich nicht zu unterbrechen. Als ich mich dann aber nicht auf Verlangen bei ihm fürs Brüllen entschuldigen wollte, sagte er, dass ich dann ja das Haus einfach verlassen könnte. Das war mir ganz recht, denn das hatte ich zu diesem Zeitpunkt ohnehin vor. Ich meinte zu ihm, dass ich, wenn ich mich entschuldigen will, auch wirklich der Meinung sein sollte, was unrechtes getan zu haben.
Ich packte also meine Sachen und brachte Kassie und Flicka noch einen kleinen Snack zum Abschied. Ich bemerkte gar nicht, dass Francis auch nach draußen gegangen war und mich von der Einfahrt aus beobachtete. Als ich zurück kam stellte sich heraus, dass der Kater Kiwi ihm ausversehen entflohen war (der sonst nur mit ner Leine rausgeführt wird) und wir verbrachten einige Zeit damit, Kiwi unter einem Auto hervor zu locken. Danach meinte er, sehr freundlich, dass er nicht möchte dass ich wieder hitchhike und mich daher komplett nach Galway fährt. Gut, das war in Ordnung. Doch als ich meine Sachen zum Auto brachte war da auf einmal ein streundender Hund, ein wunderschöner Husky. Der kam bei mir an und ich streichelte ihn eine Weile, aber kein Besitzer kam hinterher. Überhaupt war das seltsam weil Francis direkt an einer Hauptstraße wohnt. Der Hund hatte auch kein Namensschild. Mit hoher wahrscheinlichkeit war dieser Husky zuvor in einer guten Familie, wurde dann aber wohl von Zigeunern geklaut (wofür sie in Irland berüchtigt sind). Wir verbrachten einige Zeit damit, uns irgendwie einen Reim darauf zu machen un brachten den Hund dann in einen Schuppen. Francis wollte ihn, nachdem er mich nach Galway brachte, erst einmal zum Tierarzt bringen.
Wir unterhielten uns also die ganze Fahrt lang über Tiere und unsere Wege trennten sich in Frieden.
Und ratet mal wem ich hier im Hostel begegnet bin? Besagter Leonie, über die sich Francis stets extrem beschwert hatte. Wir haben ewig damit verbracht, uns über unsere Erlebnisse im Croft auszutauschen und es tut wirklich gut, nicht ganz allein damit zu sein. Auch dieser Blogeintrag ist mehr oder weniger eine Art des Ausheulens. Ich bin froh, nun weg zu sein denn jeder Tag, den ich mir diesen Stress angetan habe, war ein Tag zu viel für meinen Spaß am Reisen (durchaus super für mein Budget, aber das ist es nicht wert).
Cheerio, ich hoffe die nächste Zeit wird wieder besser.....