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Ir(r)land Kapitel 2 - Galway - Stadt der verlorenen Kinder

Hey Leute, tut mir Leid dass ich so lange nicht geschrieben hab. Ich hab auf Fotos gewartet, aber bis ich die kriege, vergeht vermutlich noch ne lange Zeit. Also schreibe ich euch jetzt und coole Fotos/Videos werden evtl nachgereicht ;)

Was ihr schonmal wisst, ist dass ich letzten Freitag in Galway angekommen bin. Seit dem verbringe ich jeden Tag aufs neue damit, mir eine nächste Schlafstätte aufzutreiben, und bisher läuft das ganz gut.
Mein Teilzeit-Zuhause in dieser Zeit war das Snoozles Hostel in Galway... das erste, auf das ich bei meinem Eintreffen hier gestoßen bin und tatsächlich auch eins der Besten. Ich schlafe hier zumeist im gemischten Schlaafsaal mit 10 Betten und habe mir angewöhnt, mir mit meinem tollen Captein-Mantel und anderem Zeugs eine blickdichte Wand um mein Bettchen herum zu bauen... eine regelrechte Wuthöhle^^ Und noch nie habe ich Oropax mehr zu schätzen gewusst... wahrlich, Frieden in Zäpfchengröße. Ein mal ist mir einer von denen mitten in der Nacht aus dem Ohr gefallen, und prompt hörte ich im selben moment gleich neben mir einen Kerl lautstark furzen.
"NEIIN DAS WILL ICH NICHT WISSEN!!! WO SIND MEINE OROPAX?!?! WOOOO?!?!?!"
so könnt ihr euch meinen völlig nachvollziehbaren Gedankengang dazu in etwa vorstellen^^


Ein Problem hat das snoozles allerdings: Am Wochenende sind die Preise schier unbezahlbar und zumeist sind alle Betten ausgebucht. Liegt wahrscheinlich daran, dass alle möglichen Jugendlichen an Wochenenden nach Galway pilgern, denn so sieht es dann überall in dieser Stadt aus. Ich war also letzten Samstag mit dem Problem konfrontiert, 35 Euro für eine Nacht im snoozles zahlen zu müssen, da es bis auf nen teuren Privatraum ausgebucht war, oder 25 Euro wenn ich ins billigste Schabracken-Hostel gewechselt wäre..... Und die Lösung dieses Problems steckte in einer geradezu schicksalhaften Begegnung. Beim Frühstück unterhielt ich mich mit einigen Gästen des Hostels, darunter eine Amerikanerin aus Kentucky, namens Laura. Sie meinte, sie hätte die Nacht im Hostel schon gebucht, würde sie aber wahrscheinlich nicht hier sondern in Ennis verbringen, wo gerade ein Traditional Music Festival stattfand. Sie wollte dort die Nacht durchmachen und hat mir angeboten, einfach in ihrem Bett zu pennen, das hätte aber einiges an Problemen mit meinem Check-Out gegeben. Angesichts dessen, dass eine Busfahrt nach Ennis und zurück nur etwa die Hälfte einer Nacht in Galway kosten würde, sagte ich kurzerhand, dass ich sie eben begleiten würde. Die Sache mit dem Festival klang ohnehin verdammt interessant. Bereut habe ich diese Entscheidung nicht und vor uns lagen 18 Stunden musikalischen Overloads.

Das Trad Festival war kein Festival, wie man sich das typischerweise in einer kleinen Stadt vorstellen würde. Es gab keine Parade oder ähnliches. Viel mehr stellten mehrere Pubs in der Stadt Musikern aus aller Welt ihre Räumlichkeiten zur Verfügung, damit sie in relativ großen Gruppen jammen konnten. Berühmte Größen der Traditionellen Irischen Musik waren ebenso vertreten wie junge Collegekids, die mit ihren Fideln und Trommeln ankamen. Jung und alt schloss sich zusammen und musizierte... stundenlang... in Pubs und Konzerthallen und Hotels in der ganzen Stadt.


Laura und ich begegneten dort einer Gruppe Vollblut-Musiker aus Portugal, die uns mit Portugiesischem Käse, jede Menge Guinness (tatsächlich musste ich den ganzen Abend über keinen Cent für Getränke ausgeben), Kaffee (ich war ja sooo aufgedreht! *hust*) und einer Einladung nach Portugal versorgten. Und Lustig waren sie auch noch xD Nachdem die Pubs um 2 Uhr morgens schlossen verlagerte sich die Party zu einem Hotel am Stadtrand, wo noch bis 6 Uhr morgens gefeiert werden durfte. Laura und ich versuchten größtenteils, dem mittlerweile sehr betrunkenem Teil der Gästeschaft zu vermeiden und irgendwann gerieten wir in einen Nebenraum, wo ab etwa 3 Uhr morgens die letzten noch aktiven Musiker des Festivals zusammen jammten. Da ich den lieben langen Tag schon ein heftiges Bedürfnis nach einer Bodhrán hatte, begann ich irgendwann, auf einem Tisch mitzutrommeln. Und auf einmal war ich mitten drin. Ohne dass ich ne Ahnung hatte was ich tat, lenkte ich die Geschwindigkeit des gemeinsamen Gedudels und als ich einmal nen Fehler machte und abrupt aufhörte, verstanden die anderen das als Signal ebenfalls abrupt aufzuhören bis nur noch einer von ihnen übrig blieb, der dann das Solo zu spielen hatte xD Ich war ziemlich perplex, das könnt ihr mir glauben^^
Irgendwann gegen Ende des Abends widmeten sie mir das Lied "On yonder hill there sits a hare". Einer der älteren und bekannteren der Musiker, ein Herr aus Dublin namens Vincent Doherty (oder so ähnlich) sang die Strophen mit einer Stimme, die einem das Herz erschüttern ließ und die anderen Iren sangen dann den Refrain gemeinsam. (Versucht nicht, den song auf youtube zu finden. Diese Girly-Version ist einfach nur grottig gegen das, was ich gehört habe)

On yonder hill there sits a hare.
Full of worry, grief and care,
And o'er her lodgings it was bare.
Singing ho, brave boys, hi-ho.
And o'er her lodgings it was bare.
Singing ho, brave boys, hi-ho.

Now there came a huntsman riding by,
And on this poor hare he cast his eye,
And o'er the bogs halooed his dogs
Singing ho, brave boys, hi-ho.
And o'er the bogs halooed his dogs
Singing ho, brave boys, hi-ho.

And now she's gone from hill to hill.
All for the best dog to try his skill
And kill the poor hare that never done ill.
Singing ho, brave boys, hi-ho.
And kill the poor hare that never done ill.
Singing ho, brave boys, hi-ho.

And now she's turned and turned again,
Merrily as she trips the plain,
And may she live to run again.
Singing ho, brave boys, hi-ho.
And may she live to run again.
Singing ho, brave boys, hi-ho.
  
Nach alle dem, machten Laura und ich uns auf den Rückweg zum Busbahnhof,  und beobachteten den stillen Wandel einer sternklaren Nacht in einen Sonnenaufgang. Als wir zurück im snoozles waren konnte sie ins Bett, und ich musste noch bis 13 Uhr auf meinen Check-In warten. Das war es wert. Gemeinsam mit dem Tag in Dingle und dem Tag in Glendalough, reiht sich dieser Tag in Ennis zu meinen Top Erlebnissen auf meiner Irland-Reise ein.

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Also dann, wie ist Galway so? Ich hatte ja mittlerweile ein bisschen Zeit es zu erforschen (Achtung Egle, spoiler! xDDD Ich find es sowieso voll cool dass du und Anna mich besuchen kommt^^)
Tjaja, das erste, was ich gesehen habe, nachdem ich aus dem Snoozles an meinem ersten Tag heraus bin, war folgender Club:
Da könnt ihr einen drauf lassen, dass ich da herein musste! xD Allein schon, um Kojo davon zu berichten. Wie es sich vermuten lässt, ist das Coyotes eine American-Style Bar (oder zumindest das, was man gemeinhin für "amerikanisch" hält, laut Kentucky-Braut Laura). Ein fetter Bullenschädel über einer reich bestückten Bar, sexy Kellnerinnen, amerikanische Flaggen und Nummernschilder und sonstiges Texas-Ambiete Zeug. Ein paar Sachen fand ich ganz sympathisch, zb das Schild an der Eingangstür: "No trespassing! Violators will be shot! Survivors will be shot again!". Oder der erste Song den ich darin gehört habe, eine junge Frau auf der Bühne die "We're gonna die young, we're gonna die young!" sang... Eigentlich sollte am Sonntagabend dort ein Karaoke-Abend sein, es stellte sich aber mehr als so eine art Gesangs-Kontest für bereits eingeschriebene und vorbereitete Teilnehmer heraus. Schade, ich hätte sonst vllt gesungen^^ Und als der Gesangs-Kontest vorbei war, kam leider die übliche, Club/House-Musik, die man überall zu hören kriegt und die einem stets mächtig auf den Sack geht. Ganz nett, aber der eine Besuch hat wohl fürs erste gereicht.

 Natürlich betrieb ich die Tage auch einiges an Sight-Seeing. Hier werden coolerweise Gratis Führungen durch die Stadt angeboten, daher kann ich euch sogar ein bisschen was zu den Dingen, die ich gesehen habe, erzählen ;)

Das ist der Eyre Square, so ziemlich das Zentrum von Galway.

Dieses nun eine Bank beinhaltende Gebäude ist interessanter als es aussieht. Es ist die ehemalige Residenz einer der Herrschenden Familien von Galway im späten Mittelalter, den Lynches.... eines Tages brannte es in diesem Steinhaus und die Familie musste sich nach draußen retten. Es heißt, dass sich im obersten Stockwerk noch das jüngste Baby der reichen Händlerfamilie befand....

..... sie dachten, es wäre nicht mehr zu retten und die Mutter wurde aufgehalten, wieder ins Haus zu rennen. Doch dann kam, der Legende nach, auf einmal ein Affe aus dem Fenster - mit einem Baby im Arm. Der Affe brachte es sicher herunter und gab es der Mutter zurück. Dieser Geschichte soll zumindest diese mysteriöse Affenfigur an der Fassade erklären. Man hält es für wahrscheinlich, dass die Lynches einen Affen besaßen, denn sie handelten mit Spanien und Nordafrika. Natürlich musste ich das Hanu zuliebe dokumentieren^^

Doch die Lynch-Familie wird auch von wesentlich böseren Geschichten begleitet. Beispielsweise prägten sie den Begriff "jemanden lynchen". An diesem Fenster soll einer der Lynch-Oberhäupter Selbstjustiz begangen haben, indem er den Mörder seines Sohnes hier erhängte. Dieser Mörder war in Galway nämlich so gefürchtet und zugleich geliebt, dass das sonst keiner machen wollte. Der Schädel wurde aber vermutlich nachträglich hinzugefügt.

Ein weiteres Gebäude der Sagen und Legenden Galways ist diese Kirche. Christoph Columbus hat hier zuletzt gebetet, bevor er nach Amerika aufbrach (Galway ist der damals westlichste Hafen Europas gewesen). Die Iren behaupten, die Reise von St. Brendan hätte Columbus überhaupt erst zu seiner Reise inspiriert. St. Brendan war ein Mönch aus Dingle im 5ten Jahrhundert, dem nachgesagt wird, bis nach Amerika gereist zu sein.


Das hier sind die Überreste des ältesten Gebäudes in Galway, der "Hall of the Red Earl" aus dem 13. Jh. Sie entdeckten sie bei Bauarbeiten, und da Galwayer ziemlich Touristen-Fokussiert sind, haben sie die Grabungsstätte in eine Gläserne Halle gepackt, und geplante Gebäude kurzerhand darüber und drumherum gebaut, so dass jeder gucken kann.

Ein Überrest der Mauer um Galway herum, die Spanish Arch.

... und der dazugehörige Hafen. Wenn man weiter läuft kommt man an eine Promenade, und an dieser hab ich mir heute meinen ersten echten Sonnenuntergang in Irland UND im offenen Atlantik angesehen.

Galway wird durchtrennt von einem reißenden Fluss. Auf der anderen Seite waren früher die katholischen Iren angesiedelt, und die Dorfleute waren mit den englischen Galway-Stadtmenschen bitter verfeindet. Man kann von der Seite, wo die Iren gewohnt haben, einen hohen Kirchturm der Stadt sehen, witzigerweise gibt es aber auf der ihnen zugewandten Seite des Kirchturms keine Uhr. Man sagt, dass die Feindschaft so bitter war, dass die Galwayer den Irischen Dörflern nicht einmal die Zeit geben wollten (was bis heute im Irischen ein Sprichwort ist, wenn man jemandem nix gönnt).

Dass dieser Fluss so reißend ist, ist gewollt von den Galwayern, denn hier schwimmen in der richtigen Saison Lachse durch. Fischer stehen dann auf diesen Steinformationen im Fluss und fangen die Lachse ein, die bei ihrem Versuch, stromaufwärts zu schwimmen, oft durch die Luft springen.

Wo früher mal ein Gefängnis stand, steht jetzt eine Kathedrale. Recht modern, mit einem Altar nicht am Ende des Raumes, sondern in der Mitte.

Die Postkästen in Irland waren einst britisch, und als sie endlich ihre Unabhängigkeit gewannen, fanden sie es effizienter, die normalerweise roten Postkästen nicht zu ersetzen, sondern einfach patriotisch grün anzumalen. So ist es bis heute^^

Das, liebe Leute, ist die University of Galway. Wäre wohl ein verdammt cooler Ort zum studieren. Aber als ich so an dem Park vor diesem Gebäude entlang ging, wurde ich ziemlich Emo. Ich musste an die sonnigen Tage mit euch im Paradiespark denken und an die Tatsache, dass diese Zeiten nun, da wir so verschiedene Wege gehen, wahrscheinlich so nie wieder kommen werden. Nie wieder :/ Ohne euch ist studieren doch doof.....

Am Montag-Abend ging ich zu einem "Pub Crawl" Event. Das ist hier jeden Abend, aber Montags nur zum halben Preis ;) Ich hab 8 Euro bezahlt und bekam dafür in jeder Kneipe der Kneipentour einen Shot umsonst, und Getränke für billiger. Die Gesellschaft war cool und es gab auch lustige Trinkspiele, aber so wirklich ausgezahlt haben sich die 8 Euro letztenendes nicht, weil man sich ja trotzdem noch Getränke leisten musste, um was von den Vergünstigungen zu haben. Dies war mein erster Shot, ein "Baby Guinness". Kahlua als Basis und Baileys als der Schaum. Lecker.

Ein wirklich sehr treffendes Poster. In Galway wechselt das Wetter in wirklich eindrucksvoller Geschwindigkeit von Sonnenklar zu Platzregen, den ganzen Tag über.

Bei meiner verzweifelten Suche nach einer Bleibe kam ich endlich zu einer Zusage zum Couchsurfen. Ich bin jetzt gerade ebenfalls dort. Das ist tatsächlich meine dritte Nacht bei meiner Gastgeberin "Cat" und ihrer Musiker/Künstler/Filmstudenten-WG. Sie fragten mich, ob ich bei ihrem kleinen Film vllt auch eine Rolle spielen will. Und voila, war ich dabei und habe heute den lieben langen Tag an einem Set verbracht.

 
  

Ab morgen habe ich dann wieder das Problem, dass die Wochenend-Hostel Preise in Galway fürchterlich sind. Und ewig Couchsurfen kann ich ebenfalls nicht. Doch auch dieses mal wird mein Problem von einer Begegnung gelöst: Noch bevor ich aufbrach, nahm ich per e-mail Kontakt mit zwei anderen helpx-ern auf, die nach Irland wollten, Leslie aus Frankreich und Sarah aus Deutschland. Sie wollten genau wie ich zum Octupus Garden und bekamen genau wie ich, nur wenige Tage später, das selbe Problem. Denn auch sie wurden nur sehr kurzfristig benachrichtigt, dass das nix wird. Witzigerweise verschlug es sie danach ebenfalls nach Galway... und dann auch noch in das selbe Hostel xD Sarah erkannte meinen Namen auf einer Reispackung in der gemenschaftlichen Küche und fand mich. Seitdem verbringen wir immer mal wieder ein bisschen Zeit miteinander und motivieren uns gegenseitig, weil wir nicht die einzigen verlorenen Kinder von Galway sind. Abgesehen von uns 3 verlorenen Backpackern ist Galway sowieso eine Stadt voller junger Migranten. Man trifft so gut wie nie Leute, die Original aus Galway stammen und an dem Ort wo ich couchsurfe wird fast nur spanisch gesprochen.
However, Sarah und Ich wollten beide die Cliffs of Moher sehen, die Touristen-Bustour dort hin ist uns aber zu teuer. Wir haben also beschlossen, gemeinsam nach Doolin per Anhalter zu fahren, dort das Wochenende über zu bleiben und am Sonntag wieder zurück zu gehen. Leslie möchte allerdings leider nicht mitkommen. Also gut, diesmal also ein Abenteuer zu zweit. Morgen brechen wir auf.

Davon mal abgesehen habe ich noch eine gute Nachricht: Ich habe einen neuen Host gefunden. Am Montag hitchhike ich nach Athenry, zu einem älteren Musiker mit seinen Katzen und Ponys.... wir testen mal ne Woche lang aus wie gut wir klarkommen und dann kann ich vllt bleiben. Wäre cool :) Wünscht mir Glück!

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1 Kommentare:

Egle hat gesagt…

die uni... ಠ_ಠ ... da will ich hin...
hätte die spoiler-warnungg hinnehmen sollen^^

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