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Ir(r)land Kapitel 2: Auf die harte Tour - Part 2

Alright Leute. Es ist alles gut ausgegangen, heute hab ich es wieder warm und gemütlich... und ich habe Zugang zu anständigen sanitären Anlagen *___* Ich bin nämlich in Galway. Wie ich hierher gekommen bin? Nun... Ende!

Neeee xD Ich erzähl euch mein kleines Abenteuer der letzten Tage. Ich muss sagen, in dieser Woche habe ich so viele intensive Erfahrungen gemacht, dass es mich regelrecht ein bisschen verändert hat. Einige von euch wissen vllt noch, wie nervös ich vor meiner Abreise aus Deutschland manchmal war, weil ich mit dem Kontrollverlust nicht sonderlich gut klarkam. Jetzt, kaum einen Monat später, habe ich jegliche Illusion von Kontrolle bereitwillig aufgegeben. Und die Ungewissheit hat für mich nun ein bisschen einen Geschmack von Freiheit. Was war also los, nachdem meine schöne Zeit in Dingle vorüber war?

Wie im letzten Post schon erwähnt, wollte ich mich daran versuchen, zu meinem nächsten Host per Anhalter zu fahren. Ich wusste nur, von einer e-mail vom Montag, dass ich nach Kinvarra muss, und von dort aus nach Carron, wo eh kein Bus hält. Ich aß wieder nur 2 Müsliriegel und ein paar Kekse und los gings, so früh wie ich konnte. In der Nähe meines Hostels war eine Tankstelle, wo ich mich am Hitchhiken versuchen wollte. Dort stand aber witzigerweise schon ein Junge und hielt den Daumen hoch. Es stellte sich heraus, dass er jede Woche per Anhalter zu seiner Fahrschule im nächstgelegenen Dorf fährt. Ich gesellte mich dazu und nach etwa einer halben Stunde im Regen kam ein Bekannter von dem Jungen mit nem großen Bulli vorbei. Das war sie also: Meine Hitchhike-Entjungferung. Ziemlich locker. Sonderlich viel gebracht hat es mir wohl aber nicht.... ich landete im Dörfchen Annascul, mehr eine Straße mit Häusern dran als sonstwas.... wo es nur einen geschlossenen Pub gab und nix weiter. Und es regnete so einen eisigen Sprühregen. Der lange Captein-Mantel von Kojo hat sich schon oft bewährt, aber an diesem Tag besonders. Nur nach einer knappen Stunde des Stehens an einer kaum befahrenen Straße, kam mir die Idee, dass ich mit langem schwarzen Mantel und schwarzer Kapuze an einem nebeligen Tag wohl etwas zwiellichtig ausseh.... Ich wollte aber die Kapuze auch nich runter machen... und auf einmal kam mir ein Geistesblitz. Ich hatte nämlich, in Deutschland noch, die braune Wollmütze mit den Bommeln eingepackt, die ich letzten Winter von Matthias annektiert hatte. Bisher hatte sie mir nix genützt, denn in Irland gibt es keinen Winter. Aber mir kam die Idee, dass ich mit dieser Mütze vllt eher exzentrisch und ulkig aussehen würde, und nicht schwarz und böse. Und warm hielt sie meinen Kopf ja auch....
und kaum 30 Sekunden nachdem ich die aufgesetzt hatte, hielt ein Auto an xD Ab sofort wird sie als meine Hitchhiker-Mütze gelabelt.

Mit diesem Auto kam ich bis nach Tralee. Am dortigen Busbahnhof konnte ich mir endlich mal eine Karte beschaffen (ich konnte Google Maps im Hostel zuvor ja nicht aufrufen) und stellte fest, das es nach Carron doch nen vergleichsweise weites Stück Weg ist, und ich mit der Strecke von Dingle nach Tralee nur ein Bruchstück geschafft habe... innerhalb von 2 Stunden. Ich vollte aber vor Sonnenuntergang angekommen sein, den im dunkeln Anhalter fahren war mir dann doch zu blöd. (Ich sehe für die Fahrer zwiellichtig aus, die Fahrer die im Dunkeln anhalten sehen auch für mich zwiellichtig aus, und wenn ich irgendwo im nirgendwo steckenbleibe hab ich ein dickes Problem.)
Ich entschied mich dann also doch für einen Bus über Limerick nach Ennis in County Clare, was ich als relativ naheliegend einschätzte. Da fand ich dann auch heraus, dass man nicht unbedingt immer beim Umsteigen ein neues Busticket kaufen muss... nämlich dann nicht, wenn die Liniennummer sich nicht ändert. Wenn ich also bis nach Limerick mit der 13 fahre und dort umsteige, der folgende Bus aber auch eine 13 ist, dann muss ich nur ein mal komplett zahlen (und also vorher wissen welche Nummer mein Anschluss-Bus hat). Versteh einer die Iren >__>

Meine Hoffnung schwand dahin, als ich in Limerick ankam und da bereits Sonnenuntergang war. Ich hatte das unendlich langsame Vorankommen der irischen Busse doch nochmal unterschätzt.... Im Bus nach Ennis redete ich mit dem Busfahrer und er meinte, Carron sei noch verdammt weit weg von Ennis. Er war so lieb, mich einfach umsonst weiter fahren zu lassen, bis nach Gort. Ich kam um ca. 19 Uhr dort an. An einer Tankstelle änderte ich dann meine Strategie, nach einem Tipp den mit eine Amerikanerin vor kurzem gegeben hat. Statt zu warten, bis ein Auto anhält, habe ich die Leute an der Tankstelle einfach persönlich angesprochen und gefragt, ob sie in meine Richtung fahren. Auf diese Weise, konnte ich selbst versuchen einzuschätzen und zu entscheiden, mit wem ich fahre und für die Fahrer wirke ich wiederum ebenfalls weniger suspekt.
Ich fuhr also dann mit einer äußerst besorgten irischen Mutti bis nach Kinvara und dann mit einer weniger besorgten aber sehr geselligen britischen Mutti bis nach Carron. Letztere spielte für mich sogar ein bisschen den Touristenführer, obwohl mitten in der Pampa in der Nacht nix zu sehen war xD Sie erzählte mir dennoch zu allen "Attraktionen" etwas, an denen wir vorbei fuhren. Und es ging wirklich, weit, WEIT in die Pampa, etwa 20 min auf einem schmalen, unbeleuchteten Asphaltweg, der sich durch die Berge wand. Wir hätten auch fast nen Dachs überfahren. Schließlich fanden wir den Octupus Garden, etwas abseits von Carron. Eine kleine Hütte im Wald, ohne Licht in den Fenstern. Helen, also meine Fahrerin, war so nett auf mich zu warten, während ich versuchte zu gucken ob irgendwer drinnen ist. Und als ich schon zum Auto zurück bin, kam ein großer, hagerer alter Mann mit gelben Zähnen und buschigen Augenbrauen aus der Tür. Helen gab mir ihre Telefonnummer für den Fall, dass ich irgend einen Kontakt in Carron brauche. D.h. falls was schiefgeht oder ich einfach wieder zurück nach Kinvarra will. Das hat mir ein bisschen Sicherheit gegeben. Ich folgte also Jimi in die kleine Hütte. Es stellte sich heraus, dass die Fenster lediglich gegen die Kälte abgedeckt waren und innen ein gemütliches Feuerchen brannte. Einige Minuten später kam auch Franzi dazu, eine junge Frau in etwa meinem Alter, die mit Jimi in dieser Hütte lebt. Ich hatte eine sehr nette Nacht mit den beiden und überaus intelligente und elaborierte Gespräche. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass ich bald wieder gehen musste. Jimi soll nämlich bald operiert werden, was er erst kürzlich erfuhr, und er wollte deshalb bis dahin keine Helper oder Wwoofer in seiner Hütte haben, weil er sich eigentlich darauf einstellen wollte. Üblicherweise sind in dem Octupus Garden locker 2-6 Helfer aus aller Welt anwesend, und auch während meiner Anwesenheit sollten eig 2 Spanier da sein. Doch im Gegensatz zu mir hatten die Spanier Jimi's e-mail erhalten. Hätte ich mir mehr Zeit gelassen oder hätte mal bei Jimi angerufen, hätte ich das erfahren und hätte die ganze Odyssee nicht machen müssen.
Ich schlief in meinem Schlafsack auf dem Dachboden und fragte mich, was ich jetzt wohl machen würde.

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Und wieder ein kleines Video, bei dem die Musik wohl meine Zeit beschreibt...

Das erste, was ich am nächten Morgen sah, als ich hinausblickte, war eine atemberaubende Landschaft. Ich wachte etwa um 6:45 Uhr Morgens auf und nachdem ich einen kleinen Tee mit Jimi getrunken hatte, blickte ich hinaus auf die Berge des Burren im Sonnenaufgang. Es gab einen einzigen, riesengroßen Regenbogen im einem Himmel, der dazu gerade so hell genug war. Die Landschaft glänzte von gerade erst vergangenem Regen. Ich war relativ weit oben und sah über eine kleine Seenlandschaft im Tal und Kalksteinberge hinweg. Und der Kalkstein reflektierte das Lichtspiel im Himmel, indem er selbst ständig die Farbtöne änderte, darunter alle möglichen natürlichen Töne von Grün, Grau, Blau, Braun, Orange und Gold. So wie die Wolken über den Himmel wanderten und den Lichteinfall auf die Kalksteine veränderten, so änderte sich das Bild vor meinen Augen permanent und fließend, manchmal waren die Berge in einer einheitlichen Farbe, manchmal gefleckt und immer wieder ein bisschen anders.

Als ich wieder hineinging, sagte mir Jimi, ich könne gerne zumindest einen Tag bleiben, damit meine Reise nicht umsonst war. Und natürlich hatte er auch ein bisschen Arbeit für mich. Nach einem Frühstück aus selbstgebackenem Brot, Obst, Nüssen und Porridge (Haferbrei auf Irische Art, den ich bereits in Wicklow sehr zu lieben gelernt hab), und nachdem ich beim Abwasch mit Regenwasser geholfen hatte, durfte ich zwei traurig braune stühle in einem fröhlichen gelb anmalen. Ohnehin war das meiste im Octupus Garden gelb angemalt. Jimi und Franzi mochten diese quietischig fröhliche Farbe. Überall waren Fotos und Schilder und allerlei Zeugs von vergangenen Helfern und so eine Art "Bühne", wo man sich im Sommer wahrscheinlich ziemlich cool bei einem Feuerchen zusammenschaaren kann. Im Anschluss wurde ich gefragt, ob ich lernen will wie man Brot backt, denn das stünde ohnehin mal an. Natürlich wollte ich das!^^ Ich habe auch das Rezept aufgeschrieben, damit ich es in Deutschland ein weiteres Mal versuchen kann. Ich hätte aber nie gedacht, dass das gut nen ganzen Tag in Anspruch nehmen kann. Franzi und Ich machten jeweils genug Teig für 3 Brotlaibe. Während diese Teigmischungen danach 2 Stunden rumstehen mussten, trug ich Äste und Zweige zum trocknen auf eine kleine Betonfläche, damit es irgendwann zu Feuerholz gemacht werden kann.
Danach stand ne Menge Teig-Kneten an. Kneten, lange Pause, kneten... und irgendwann backen. Und zwar über ner richtig altmodischen "Aga", also einem Ofen wo man unten ein Feuer drin macht. Am Nachmittag nahm ich mir noch die Zeit, die Landschaft des Burren zu erforschen. Ich konnte nicht sonderlich weit gehen, da die Sonne früh untergehen würde, aber es reichte für eine relativ interessante Kuhweide auf der Spitze des Hügels, auf dem auch der Octupus Garden war.

Ich war wirklich mitten im Nirgendwo, auf der Hügelspitze konnte ich mich komplett im Kreis drehen, es war nichts da als Steine, Gras, Wind und Stille.







 Doch das war nicht alles. Das ganze Feld war gespickt von alten Ruinen aus Kalkstein. Sie hatten irgendwie etwas magisches an sich.
 

Und auch an Details kann man sich erfreuen....




Trotz allem war die kleine Hiking-Runde ziemlich abenteuerlich, eben gerade wegen der Felslandschaft. Die ganze gegend war uneben und wellig, gleichzeitig aber bewachsen von hohem Gras und überall mit mehr oder weniger versteckten, mehr oder weniger wackeligen Steinen bespickt. Wenn man nicht guckte, wo man hintrat, stolperte man plötzlich nen halben Meter tief in ein Loch, was man für festen Boden hielt, oder stieß sich den Fuß an einem Stein, wo man weiches Gras erwartete, oder balancierte über Felsen, von denen einer plötzlich unter den Füßen nachgab. Das machte mir zunehmend Spaß^^
Irgendwann hüpfte ich regelrecht von Fels zu Fels wie eine Bergziege. Hingelegt hat es mich nur ein mal, nämlich als ich versucht hatte über eine dieser Kalksteinmauern drüber zu klettern. Da sie aber ohne Mörtel gebaut wurden und dieser Kalkstein verdammt leicht ist, gaben zu viele Steine auf einmal unter mir nach, die ich erst für stabil hielt. Aber wie üblich habe ich mir nicht dabei weh getan und zum glück bin ich nicht in Kuhmist gefallen^^ Beim zweiten Versuch hats dann auch geklappt (isch lass misch doch nisch von ner ollen Mauer unnerkrieschen!)

Und als ich wieder in der kleinen Hütte ankam, war endlich mein erstes, von mir selbst gebackenes Brot fertig:

Eins dieser Brote habe ich mitgenommen und habe es auch immernoch dabei.
Naja, und nach all dem wurde ich am nächsten Morgen von Franzi und Jimi wieder nach Kinvara gefahren, wo ich per Anhalter bis an den Stadtrand von Galway fuhr. Ich latschte so lange in Richtung Zentrum, bis ich ein Hostel fand, und dort befinde ich mich auch gerade. Bei Gott wie mir diese heiße Dusche gut getan hat, das ist unglaublich<3 Und ein Spülklo statt einem Eimer voll Stroh! Jimi meinte zwar, das einfache Leben würde zu mir passen, und ich fühlte mich auch sehr wohl, aber ich glaube, auf Dauer bin ich dann wohl doch der Stadtmensch....^^

Und hier bin ich nun. Ohne eine Ahnung, wohin ich morgen gehen werde, wo ich schlafen werde, was ich tun werde, ob ich schnell Arbeit finde und wie lange mein Geld wohl noch reicht.... und es kratzt mich nicht im geringsten. Ich bin einfach nur hier. Im hier und jetzt. In Galway. Ohne Ziel, ohne Sinn. Und mir ist nach Singen zumute^^

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1 Kommentare:

Unknown hat gesagt…

schön das du dich nich unnerkrieschen lässt ^^

wie schmeckt dir denn dein selbstgebackenes Brot?
ich fand ja immer das es besser schmeckt als jedes andere brot auf dieser welt. allein schon wenn es noch frisch und warm ist.....dieser duft *.*

freu mich schon auf deine nächsten einträge :)
lass dich NICH UNNERKRIESCHEN!!!
nich von mauern, vom regen, von niemanden.

liebe grüße aus'm verregnetem Leiptzsch ^^

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